Frischer Wind zu später Stund

Es ist Montag der 27.12.2021. Vor mir steht die altehrwürdige Martinskirche. „Die über tausend Jahre alte romanische Basilika hat bestimmt schon viel gesehen.“ , dneke ich. Heute steht ein Weihnachtsbaum davor. Zusammen mit vielen anderen, schweigenden Menschen. Sie sind gekommen, trotz des einsetztenden Nieselregens. Und es werden immer mehr. Auch die Polizei und das Ordnungsamt sind vor Ort. Ein englischsprechender Tourist fragt einen der Beamten, ob es einen bestimmten Anlass gibt – ein Fest etwa. Geduldig erklärt der Polizist, das es sich hier um eine Art Protest gegen die Corona Maßnahmen handelt. Die Menschen treffen sich jeden Montag an dieser Kirche um die gleiche Zeit.

Das geht nun ein Jahr so. Am Anfang war es nur eine Handvoll. Vor 4 Wochen wurden es dann mehr – so um die hundert etwa. Vor zwei Wochen dann 250.

Es gibt keine Transparente, keine Sprecher, keine Parolen. Die Menschen stehen in kleinen Gruppen – wahrscheinlich familienweise – zusammen.

Die Stimmung ist friedlich, aber eine latente Anspannung ist dennoch zu spüren. Die Ordnungshüter sind aufmerksam, doch zurückhaltend und beobachten zunächst das Geschehen.

Plötzlich setzt sich ein Teil der Masse in Bewegung und spaziert durch die Stadt. Es bleibt friedlich und ruhig. Ich habe den Eindruck das immer mehr Menschen sich anschließen, der Spazierkorso wird länger und länger. Manche schauen verwundert aus den Fenstern und fragen sich, was da eigentlich gerade passiert.

Ein etwas betagter älterer Passant fragt mich: „Was ischn dees?“ Ich erkläre ihm das es sich dabei wohl um eine Art stiller Protest gegen die C.Maßnahmen handelt.

„Ha des isch ja wie neinzehnhundertneinundachtzig“

„I wollt sowieso gschwind spaziereganga“

„Ha da gang i jetzt mit!“

Der Spaziergang endet wieder an der Martinskirche wo er auch seinen Anfang nahm. Inzwischen regnet es in Strömen. Dennoch jetzt sind es bestimmt doppelt so viele wie am Anfang. Ein Teilnehmer will 500 Spaziergänger gezählt haben, in der Zeitung ließt man von 400. In ganz Baden Württemberg zählte man an diesem Abend an die hundert Spaziergänge in verschiedenen Städten und Dörfern.

Der Spaziergang bleibt bis zum Schluss friedlich und freundlich. Es ist eine ganz spezielle Stimmung auf diesem Platz. Ich schaue in die Gesichter und sehe Emotionen: Hoffnung, Erleichterung, Lachen und sogar Freudentränen. Die Menschen schauen sich gegenseitig an, spontaner Applaus und Jubel brandet auf.

Wenn Sie wissen wollen, wie es weitergeht, so schauen Sie nächste Woche wieder rein, wenn es wieder heißt „Echte Bilder – klare Worte“

Ein Gedanke zu „Frischer Wind zu später Stund

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.