Spazieren verboten ?!

Es ist Montag der 10.Januar 2022. Viele hundert Sindelfinger geben sich an der Martinskirche ein Stelldichein.

Auch die Polizei ist anwesend. Als die Menge weiter anschwillt, will die Polizei eine Durchsage machen.

Da läuten die Kirchenglocken zur vollen Stund und ich verstehe nur einzelne Wörter wie „Kooperation“ und „Versammlung“.

Das hat auch wohl kaum jemand verstanden, denn die Menge zieht schon los. Kreuz und quer durch die Innenstadt.

Man bleibt auf den Verkehrswegen, die Polizei sperrt die Straßen. Zwischendurch ertönt am Marktplatz eine Durchsage der Polizei,

das sich ein Versammlungsleiter melden soll.

Man spürt eine zurückhaltende Stimmung, etwa wie bei einer Elternbeiratswahl am Elternabend.

– Offensichtlich fühlt sich keiner angesprochen.

So zieht die Karawane weiter…

Da treffe ich eine Bekannte mit Ihrem Partner wieder. Ich nenne die beiden einfach mal Christiane und Klaus.

Wir haben uns schon 2 Jahre nicht gesehen. Deshalb habe ich auch keine Ahnung was Sie in dieser spezielle Zeit wohl erlebt hat. Ich erkläre Ihr, das ich jetzt Reportagen schreibe, und frage Sie, ob Sie denn irgendeiner Protestvereinigung angehöre, gegen die Impfung sei, oder ob es andere Gründe gibt, das sie hier spaziert. Die Antwort folgt prompt: “ Ne, ich bin nicht gegens impfen, aber zweimal reicht mir jetzt einfach. Ich hab kein Bock mich in Zukunft am laufenden Band zu impfen. Ich hab alles mitgemacht, Masken, Kontaktbeschränkungen, Testen, aber jetzt reicht es einfach.“

Bei Klaus ist die Lage etwas anders: “ ich hatte schon Corona und es ging mir 3 Wochen echt schlecht. Insofern hab ichs hinter mir. Beruflich bin ich im Homeoffice und hab deswegen keinen Druck mit impfen zu lassen. Mir ist es aber echt wurscht, ich würde mich auch impfen lassen, wenns sein muss. Wenn die Impfung halt auch so gut wäre, das es die Sache beenden würde, wär ich´s auch schon. Man kann sich aber trotzdem noch anstecken und andere auch“. Eigentlich wollte er sich aus der ganzen Diskussion raushalten. „Aber das mit dem Zwang durch die Hintertür – das geht gar nicht!“

Diese Statements zeigen anschaulich, das nur schwer eine Trennlinie zwischen Maßnahmengegner und Maßnahmenbefürworter gezogen werden kann. Es ist wie im richtigen Leben: Nirgendwo gibt es nur schwarz oder weiß.

Mit den Gedanken an das letzte Interview geht es für mich im Laufschritt zurück zur Martinskirche wo sich der inzwischen etablierte Jubel zum Veranstaltungsende erhebt. Obwohl der Platz schon voll ist, sind noch nicht alle Spaziergänger zurückgekehrt. Deshalb gibt es nach weiteren zehn Minuten den zweiten Jubel-Applaus, diesmal lauter und länger als beim ersten Mal. Direkt danach versucht die Polizei eine Durchsage zu machen und wird im Ansatz dafür schon ausgepfiffen und ausgebuht. Mir ist es deshalb leider nicht möglich zu erkennen, ob das der Versuch einer Auflösuing der „NICHT – Veranstaltung“ war. Dafür war das Statement der Menge umso deutlicher. Nach und nach gehen die Menschen nach Hause, doch viele stehen noch zusammen, im Gespräch vertieft.

So bleibe ich auch noch etwas und schau mich nach bekannten Gesichtern um. Tatsächlich treffe Anita nach vielen Monaten wieder. Sie hat schon viele Demonstrationen erlebt und erläutert mir, wieso dieses Pfeiffkonzert so ausgeprochen vehement war.

„Oft genug wurden angemeldete Demonstrationen mit kaum zu realisierenden Auflagen versehen. So mussten im Hochsommer bei 35 Grad im Schatten noch Masken getragen werden. Bei anderen angemeldeten Demos wurden die Menschen von den Polizeiketten eingekesselt und zusammengeschoben, und die Veranstaltung wurde nach wenigen Minuten wegen Nicht – Einhaltung der Mindestabstände aufgelöst. Manchmal wurde der Veranstalter auch genötigt, auf Plätzen ausserhalb der Stadt die Kundgebungen durchzuführen – so das es niemand sonst mitkriegt. Wieder andere erlebten eine stundenlange Einkesselung in der Kälte, ganz ohne Sanitäre Einrichtungen. Die Liste der Schikanen durch die Verwaltungen sind lang, dafür der Geduldsfaden umso kürzer. Noch bedauerlicher sei, das die Politik auf die Demonstrationen mit Diffamierung statt mit Gesprächsangeboten reagiere. Wenn so restriktiv mit Demonstrationen umgegangen wird, bleibt für den friedlichen Bürger nur der zivile Ungehorsam übrig.“

Ich lasse diesen Erfahrungsbericht mal so unkomentiert stehen, als ein weiteren Mosaikstein erlebter Realität im 3. Coronajahr und verweise den geneigten Leser darauf sich selbst ein Bild zu verschaffen, anstatt gelesenes oder gesehens ungeprüft zu übernehmen.

Mein persönlicher Eindruck nach 4 Wochen spazieren im Freien: Die Spaziergänger sind eine sehr heterogene Masse, friedlich, aber dennoch entschlossen.

Festzuhalten ist auch, das die Anzahl der Spaziergänger in Sindelfingen stetig wächst. Dieses mal waren es ca. 800 – 900 Teilnehmer.

Im Nachbarort Böblingen zählte man 200, in Herrenberg 300, in Weil der Stadt 300, Nagold 1500 und in Backnang sogar 2000 Spaziergänger.

Im Landkreis Böblingen gab es spazierte man an ca. 20 Orten, in Baden – Württemberg an ca. dreihundertfünfzig.

Diese Spaziergänge sprießen wie Pilze aus dem Boden und werden mehr.

Ob diese Charakteristika dem Bild einer gesellschaftliche oder politische Randgruppe entsprechen, darf jeder für sich selbst interpretieren.

Unstrittig ist es jedoch, das auf diesen unscheinbaren Straßen gerade Geschichte geschrieben wird.

Wir bleiben hier am Ball und informieren Sie weiter, wenn es beim heißt:

Sokratiker echte Bilder – Klare Worte.

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