Ja wo laufen se denn?

Montag 17.1.2022, 18.00 Uhr an der Sindelfinger Martinskirche. Es sammeln sich wieder mehrere hundert Spaziergänger. Ein ganz normaler Protest – Montag?

– Nein, denn das Thema wird immer komplexer. Vor einer Stunde gab es eine Gedenkveranstaltung für die Coronaopfer. Das Wort Gegendemonstration liegt mir auf den Lippen, doch das wird der Sache sicher nicht gerecht. Ich mache mir aber eine gedankliche Notiz, umbedingt auch mit diesen Teilnehmern ein Interview zu führen. Leider war es mir bis jetzt terminlich nicht möglich, dies persönlich zu tun. Verschiedene Lokalzeitungen berichteten aber darüber und so finden auch diese Meinungen in der Öffentlichkeit gehör. Laut Polizeiangaben gab es wohl keine Überschneidung oder Kollisionen mit den Montags – Spaziergängen.

Ich bin spät dran und der Zug ist schon unterwegs:

Diesmal geht es wohl durch die Sindelfinger Altstadt, die historische Kurze Gasse hinunter. Wieder sind es gefühlt einpaar Leute mehr geworden. Die genaue Bezifferung fällt schwer, da die Menschen von überall her zusammenströmen. Diesmal möchte ich den Focus wieder auf einpaar Interviews mit den Protagonisten aus dieser langen Kolonne lenken.

Ich spreche mit Gisela, einer netten Dame im besten Alter, die mit Ihrem Rollator doch noch recht flott unterwegs ist. 74 Jahre sei Sie alt, und von Anfang an dabei. „Vor fast einem Jahr fing es mit einer Handvoll Spaziergänger an und es ist gut, das es nun endlich immer mehr werden. Es sind Leute wie ich und Du. Alles andere ist dummes Gerede, um die Leute vom Spazieren abzuhalten.“ Warum Sie denn hier mitläuft will ich wissen. Sie meint Ihr geht es vor allem um die persönliche Freiheit: „Die Massnahmen haben nur wenig gesundheitlichen Nutzen, schränken aber die Freitheit unverhältnismäßtig ein. Es wird am Volk vorbeiregiert! Wenn wir nicht auf die Straße gehen, werden wir aber nicht gehört und die Presse schreibt nur, was die Politik wünscht.“ Sie schaut mich an.“Naja, es gibt solche und solche..“ Und präzisiert: „viele wirtschaftlich angeschlagenen Medienhäuser sind auf die Beteiligungen großer Firmen angewiesen, so ergeben sich Abhängigkeiten, die einer neutralen Berichterstattung manchmal im Weg stehen.“ Das klingt schon etwas diplomatischer. Immer wieder schlägt der Presse großes Misstrauen entgegen. So etwas höre ich nicht zum ersten Mal. Man könnte auch sagen, solche Aussagen ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze letzte Jahr meiner Reportagetätigkeit hindurch. Auch meine Arbeit wird hinterfragt, was mich aber nicht stört. Ich für meinen Teil versuche immer höflich und respektvoll mit meinem Gegenüber umzugehen und das wird in der Regel auch mit Höflichkeit ( und manchmal auch mit Gesprächsbereitschaft ) quittiert. Aber nehmen wir es mal mit, als weiteren Mosaikstein dieser Zeit.

Überraschender Weise treffe ich auch unseren Oberbürgermeister Dr.Bernd Vöhringer und den kompletten Corona – Krisenstab vor Ort. Leider stehen die Damen und Herren für ein Kommentar oder ein Foto nicht zur Verfügung.

Dafür möchte aber Annemarie gerne etwas mitteilen. Sie sei Pflegekraft und findet es unsäglich, das an einer Impfpflicht für Ihren Beruf rumüberlegt wird. „Zu der bescheidene Bezahlung, den vielen Überstunden und der harten Arbeit kommt noch oben drauf, das ich über meinen Körper jetzt nicht mal mehr selbst entscheiden darf. Das reicht mir. Entweder ändert sich die Politik oder ich kündige.“ „Ich hab das Gefühl hier geht es schon lange nicht mehr nur um Gesundheit“. Ich danke herzlich für das Gespräch und bewege mich weiter durch die nicht enden wollende Schlange.

Da treff ich ein Mitglied des Gemeinderats in Sindelfingen, der die Szenerie beobachet. Wir sind uns persönlich bekannt, so wie ich mit sehr vielen Sindelfingern ( und auch mit einpaar Böblingern ) bekannt bin. Wir philosophieren darüber, was das wohl für Leute sind, und auch die Frage nach der Zuordnung stellt sich. Wir müssen beide zugeben, das wir doch nur sehr wenige Menschen persönlich kennen, es sich aber offensichtlich um ziemlich normale Passanten handelt. „Besonders radikal sieht das jetzt nicht aus“ sind wir uns beide einig.

Sowohl die städtischen Behörden, als auch die Presse stolpern immer wieder über dieses Phänomen, das kann man auch den hiesigen Medien so entnehmen.

Das Journalistenglück ist mir aber heute hold und so treffe ich zu guter letzt eine gesprächsbereite Familie an der Martinskirche, Start und Ziel des Spaziergangs. „Mir kommet au net aus Sendelfenge, mir sen Aidlinger!“ Ich zeige Verständnis, da ich meine Heimatstadt jeder anderen Stadt im Kreis sofort vorziehen würde…! -Dennoch, was treibt einen Aidlinger bei dem Sauwetter nach Sindelfingen? Gibt es dort etwa keine Spaziergänge oder ähnliches? “ Die gibt es schon, nur da kennt man uns halt. Da wird geredet und schon steht man in einer komischen (gesellschaftlichen -Anm.d.Red) Ecke, aus der man nicht mehr rauskommt.“ So langsam schwant mir was. Tim, ein Student aus Stuttgart mit Sindelfinger Wurzeln bestätigt mir, das viele in seinem Umfeld aus den gleichen Gründen nicht in der eigenen Stadt spazieren wollen. Überdies erklärt mir Tim, seien jetzt auch viele Studenten auf der Straße. “ Die Kontaktbeschränkungen und das Homeschooling haben unsere Kommunikation extrem gebremst, aber das haben wir jetzt überwunden und reden wieder viel miteinander. Dabei kam raus, das viele mit den 3G und 2G Regelungen gar nicht einverstanden sind. Es hat lange gebraucht, aber so langsam hat keiner von uns mehr Bock auf die Einschränkungen und die Isolation.“ „Wir dachten, das mit der Impfung die Wende kommt, doch da haben wir uns was vormachen lassen. Ich fühle mich wie ein Esel, dem die Karotte vorgehalten wird, die er aber nie bekommt .“

Natürlich sind das wiederum nur Meinungen und Fragmente einer großen Bevölkerung. Immer wieder hört man auch gegenteilige Meinungen und Umfragen die genau das Gegenteil aussagen. Aber wie es aussieht wird heute Abend in Sindelfingen mit den Füßen abgestimmt:

Wieder applaudieren die Spaziergänger sich selbst. Diesmal rufen Sie am Schluss sogar „Freiheit – Freiheit !

Nach all den vielen lautlosen Spaziergängen also doch noch ein Statement,

das bei der gesellschaftspolitischen Einordnung dieser Ereignisse helfen mag.

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